Arschlöcher sind keine dummen Jungs – umgekehrt vielleicht schon

gabihelmchen_#GoToHell     Veröffentlicht am 09.10.2015

Früher Nachmittag in der Berliner U-Bahn. Es ist relativ voll. Und laut. Eine gefühlte Schulklasse von 15- und 16-jährigen albert herum, ein bisschen Schubsen, ein bisschen Provozieren und viel Gelache. Nicht störend, da sie niemanden belästigen, sie beschäftigen sich nur miteinander. 

Ich stehe an der Tür und bin überrascht, als ein junger Mann, der gerade eingestiegen ist, mit dem Üblichen „Entschuldigung, ich möchte Sie nicht stören, aber … “ Überrascht deswegen, weil ich nie darauf gekommen wäre, dass dieser „adrette, junge Mann“ die Berliner Obdachlosenzeitung „Motz“ verkauft. (Ich habe schon viele VerkäuferInnen erlebt, aber so einen „Traum einer jeden Schwiegermutter“ – hätte mensch früher gesagt – sah ich noch nie. Er wird mit seinem ersten Satz nicht ganz fertig, weil er von zwei anderen jungen Männern angepöbelt wird. Sprüche sind die bekannten: er soll woanders hingehen; er soll die Schnauze halten; er soll arbeiten gehen. Ich drehe mich um, fixiere den einen (er ist wohl der Wortführer, zwischen 20 und 25, der andere etwas jünger und eher in der Funktion eines Claqueurs) und sage: „Es ist genug!“ Nützt aber nichts. Jetzt haben wir eine Kakophonie: die immer noch herumalbernden Jugendlichen, den Motz-Verkäufer, den Pöbler, ich als Gutmensch und – Überraschung einen der Jugendlichen: er sagt, er solle den Mund halten. Fast zeitgleich sage ich etwas lauter: „Es reicht jetzt!“

Der Pöbler schaut mich an, sagt aber nichts zu mir. Er beschäftigt sich ab jetzt mit dem Jugendlichen. Ich kann nicht alles verstehen, aber es ist bösartig. Faselt irgendetwas von er wäre so alt, dass er sein Vater sein könnte (achdumeinegüte, soll das etwas mit Respekt zu tun haben?), ihm sage niemand, dass er den Mund halten solle und so fort. Sein Claqueur muss hinzufügen, wenn zu ihm jemand sagt, ich soll den Mund halten, dann tötet er den! Deswegen stelle ich mich etwas näher zu dem Jugendlichen und frage ihn ganz leise, ob er sich bedroht fühlt. Er schaut mich erstaunt an, schüttelt den Kopf. Ich frage ihn nochmals und ergänze, dass, wenn er sich bedroht fühlt, ich die Polizei rufe. Er schüttelt nochmal mit dem Kopf und flüstert zurück: „Aber danke … “

Natürlich gebe ich dem Motzverkäufer demonstrativ knappe zwei Euro. Und die Worte: „Versuch die Arschlöcher zu ignorieren. Es ist sinnlos mit denen zu diskutieren.“ Am liebsten hätte ich das laut gebrüllt. Für den Verkäufer, für den Jugendlichen, für die restlichen Fahrgäste und für die beiden Arschlöcher. Ich habe es laut genug gesagt, nur das „Arschlöcher“ mehr gewispert.

Auf dem Nachhauseweg bin ich immer wütend über die Arschlöcher. Und dann fällt mir ein, was mir meine Freundin vor ein paar Tagen erzählte: Ihr Lieblingsnachbar möchte am Liebsten Deutschland verlassen. Er kommt aus den USA und da bietet sich Hawaii als neues Zuhause an. Zur Begründung meinte er, dass ihm Berlin nicht mehr gefällt. Es wird immer ruppiger, unfreundlicher. Er lebt jetzt seit den 1980er Jahren hier, und die heutige Aggressivität hätte es damals nicht gegeben. Dem muss ich zustimmen.

Übrigens:
der Nachbar ist Afro-USAmerikaner,
die beiden Arschlöcher sprechen arabisch.

gabihelmchen_#GoToHell

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