Brille und Hirn – der schwierige Beginn einer Freundschaft

gabihelmchen_brille und hirn    Veröffentlicht am 29.07.2014

Wieso bekomme ich eigentlich keine SMS? Die große Optiker-Kette bietet den Service, durch eine SMS benachrichtigt zu werden, wenn die Brille fertig ist. 10 Tage sollte es dauern. Jetzt sind es schon mehr als 16 Tage. Ich rufe also an und frage nach. Überraschung: die Brille war nach 9 Tagen abholbereit, und eine SMS haben sie mir geschickt. Wo immer die hingegangen ist, wer immer sie bekommen hat, meine Handy jedenfalls nicht. Egal. Am nächsten Tag fahre ich zur Filiale. Ich weiß, was mich erwartet: eine schwierige Prozedur der Anpassung. Kann bis zu 1 Stunde dauern und kostet mich alle vorhandenen Nerven. Nach 10 minütiger Wartezeit kommt eine junge Optikerin mit meiner neuen Brille auf mich zu. Ich setze sie auf, ja, ich kann etwas sehen. Das ist schon mal ein wesentlicher Fortschritt gegenüber dem vorigen Mal. Ich schaue auf die junge Frau, in den Raum, auf ein Blatt Papier, auf einen Bildschirm. Alles ist relativ klar. Wenn da nur nicht diese seitliche Unschärfe wäre. Richtig scharf ist es nur in einem sehr kleinen Bereich in der Mitte. Wenn ich die Augen über einen Text gleiten lasse, sind die Ränder immer noch unscharf. Wenn ich den Kopf bewege nicht. Sie erläutert mir den Aufbau der Gläser, aber das weiß ich doch schon! Irgendwie wie ein Pilz: oben breit, in der Mitte schmal, unten breit. Aber die Mitte ist doch das Wichtigste. Ich verstehe die Hersteller dieser Gläser nicht. Die Optikerin beteuert, dass es keine anderen Gläser gibt. Ich weiß, ich habe ja jetzt schon die Alternative auf der Nase. Und wenn es gar nicht geht, dann geht nur noch eine Brille mit einer klaren Zweiteilung, die auch für das Gegenüber sichtbar ist: oben für die Weite und unten für die Nähe mit einem Strich in der Mitte. Nicht wirklich schön, aber ich bleibe gelassen. Wenn ich auch mit diesen Gläsern nicht arbeiten kann, dann werden es eben die alten zweigeteilten, dann sieht das eben ein bisschen blöd aus! Aber die optikerin ist optimistisch: ich bräuchte etwas Geduld, 14 Tage solle ich mir schon geben. Gut, mache ich. Es folgen NUR 30 Minuten Anpassung: aufsetzen, schauen, absetzen, biegen, aufsetzen, schauen, absetzen, biegen und so weiter und so fort. Irgendwann ist die Optikerin zufrieden. OK – dann bin ich das auch. Vor dem Laptop die Ernüchterung: so wirklich gut sehen, kann ich nicht. Nur wenn ich meinen Kopf fokussiere, ist das Dargestellte scharf, an den Seiten ist es das nicht. Immer wieder muss ich mir sagen: Hab‘ Geduld, es wird schon, dein Hirn muss sich erst daran gewöhnen. Ich rufe mir in Erinnerung, wie es war, als ich zum ersten Mal eine Brille mit dem Ausgleich für meine Hornhautverkrümmung hatte: circa 6 Monate konnte ich nicht richtig sehen, alles war schief, die Füße waren ganz klein, Stufen traf ich nicht richtig. Irgendwann hatte mein Hirn verstanden, dass es den Ausgleich nicht mehr machen soll, dass das jetzt die Brille übernimmt. Nun ist es umgekehrt. Die Hornhautverkrümmung ist anscheinend weg. Es gibt also keinen Ausgleich mehr durch die Brille. Mein Hirn muss nun lernen, dass es einfach wieder schauen darf. Oder an die Augen weiterleiten, dass die einfach sehen können. Am ersten Tag mit der neuen Brille war mir ziemlich schwindelig. Am zweiten Tag nur noch sehr. Jetzt nach fünf Tagen nicht mehr. Die Seiten sind immer noch unscharf. Schreiben und lesen ist immer noch gewöhnungsbedürftig, aber Bildbearbeitung geht schon ganz gut. Vielleicht werden Brille und Hirn tatsächlich Freunde!

gabihelmchen_gleitsichtbrille
W
er nicht weiß wie eine Gleitsichtbrille aufgebaut ist: Der Bereich mit der Bezeichnung „Zwischenent-
fernung“ ist der maßgebliche. Mit dieser schmalen Gasse soll ich also arbeiten! Ich verstehe wirklich nicht, warum mehr als 2/3 „Unschärfenbereiche“ sein müssen. Die könnten die Gleitsichbrillen-Gläser-EntwicklerInnen doch noch ein wenig dran arbeiten …

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