#CharlieHebdo #Hacker #PEGIDA – Was ist und was darf Kunst?

gabihelmchen_#CharlieHebdo     Veröffentlicht am 09.01.2015

Gedanken zu den Morden in Paris, deutschen, französischen und internationalen FanatikerInnen und den Möglichkeiten von Hackern und Kunst.
Und vorab: R.I.P. den Opfern dieser kriegerischen Welt.

Es gibt gute Kunst und schlechte. Diesem Satz stimmen wahrscheinlich die meisten Menschen zu. Aber wer entscheidet, ob Kunst gut ist oder schlecht? Egal, ob es sich um einen Roman, eine Theaterinszenierung, ein Gemälde, einen Film, ein Foto, eine Satire-Sendung oder einen Comic handelt. Die Beurteilung liegt beim einzelnen Menschen: seinen Vorstellungen, Überzeugungen, Erwartungen, Erfahrungen, Wünschen, Meinungen, Vorlieben etc.

1. Ich mag Satire, möglichst gut und böse und scharf und auf den Punkt gebracht. Comics liegen mir nicht. Habe mich noch nie für Comics begeistern können. Deswegen kenne ich auch nicht viele. Satire arbeitet mit dem Wort, Comics arbeiten mit dem Bild. Kritisieren, angreifen, verletzen können sie beide und tun es auch meistens. Das ist schließlich der Sinn der Übung. Wenn Satire und Comic Kunst sind, dann dürfen sie … ja, was dürfen sie dann? Alles? Was darf Kunst? Im Namen der Pressefreiheit: Alles?!

2. Vorgestern haben 3 Männer 12 Menschen ermordet. Wahrscheinlich im Namen ihres Gottes. Würden die Morde anders gewertet werden, wenn sich herausstellte, dass es 3 Frauen waren? Würde sich das Bild verändern, wenn es sich bei den Tätern um Psychiatriepatienten handelte? Oder um 3 katholische Priester? Fände eine andere Diskussion statt? Wären die Solidaritätsbekundungen genauso zahlreich?

3. Mich haben die Morde an den MitarbeiterInnen von #CharlieHebdo fassungslos und später auch sprachlos gemacht. Das habe ich sowohl getwittert als auch gepostet. Vorgestern hätte ich es begrüßt, wenn die Netzgemeinde mal eine Pause eingelegt hätte. Die Informationen waren öffentlich, danach wären Schweigeminuten oder -stunden angebracht gewesen. Noch ein Foto, noch ein Videoschnipsel, noch ein gestammelter Interview-Beitrag und das Ganze dann hundertfach geteilt. Bin ich betroffener als meine Follower? Habe ich für meine Solidarität originellere Worte? Bin ich aktueller, schneller? Mir war das unangenehm. Ich hätte etwas mehr – ja, was eigentlich? vielleicht – „Anstand“ erwartet.

4. Ich bin Deutsche. Und ich verurteile #PEGIDA. Muss ich mich deswegen von PEGIDA distanzieren. Nein, muss ich nicht. Will ich aber. Ich bin zufällig in Deutschland geboren worden. Es hätte in meinem Fall auch Polen oder Dänemark sein können. Nun war es aber Deutschland. Ich war noch nie stolz, Deutsche zu sein. Ich wüsste gar nicht warum. Trotzdem ist es mir ein Bedürfnis, mich von PEGIDA zu distanzieren. Immer wieder klarstellen, dass nicht alle Deutschen so sind. Wenn ich Muslima wäre, müsste ich mich dann von den Morden in Paris distanzieren? Nein, müsste ich nicht. Würde ich aber. Immer wieder verdeutlichen, dass solche FanatikerInnen nicht die VertreterInnen meiner Religion sind – ganz im Gegenteil.

5. Wenn ich mir etwas wünschen könnte, dann hätte ich eine Bitte an die #Hacker. An die guten. Hackt die Informationsstrukturen von FanatikerInnen! Löscht ihre Accounts, legt sie lahm, verbreitet Desinformationen etc. Behindert ihre „Arbeit“ auf alle möglichen und unmöglichen Arten und Weisen. Schafft Chaos! Ob das irgendetwas ändern würde weiß ich nicht, aber es wäre sicherlich hilfreich …

6. Noch 3 Links zu sehr lesenswerten Artikeln vom 08.01.2015. Mit klugen Gedanken, die ich nicht alle teile, die aber alle zum Nachdenken anregen:

Tim Wolff, Chefredakteur TITANIC mit seinem Beitrag „Es lebe der Witz“

Kristian Stemmler auf buchholz express mit seinem Beitrag „Zwischenruf zum Anschlag in Paris – Der hysterische Medienhype ist das Gegenteil von Aufklärung!“

Jakob Augstein auf Spiegel Online mit seinem Beitrag „Schlüsse aus „Charlie Hebdo“: Der Terror ist ein Teil von uns“

7. Und hier ein Beispiel zur Solidaritätshysterie bei einem von einer Freundin geteilten Post auf Facebook mit folgendem Inhalt:

„MOI, JE SUIS CHARLIE! CONTRE LA HAINE! CONTRE L’ISLAM! MOI, JE SUIS CHRÉTIEN, ALLEMAND ET JE SUIS PRIDE! LES ÉTRANGERS SONT LES BIENVENUS, MAIS PAS LA VIOLENCE ET LA HAINE! TOUT LE MONDE EST PACIFIQUEMENT; MAIS L’ISLAM EST DANGEREUX, CONTRE LA DEMOCRATIE, CONTRE LES DROITS DE LA FEMME, CONTRE LES AUTRES RELIGIONS! C’EST ASSEZ, FINALEMENT! CETTE VIOLENCE DOIT ARRÊTER! MAINTENANT!“

Angezeigte Übersetzung:

„ICH BIN CHARLIE! GEGEN HASS! GEGEN DEN ISLAM! MICH, ICH BIN CHRIST, DEUTSCHER UND ICH BIN STOLZ! AUSLÄNDER SIND WILLKOMMEN, ABER KEINE GEWALT UND HASS! JEDER IST FRIEDLICH. ABER DER ISLAM IST GEFÄHRLICH, GEGEN DIE DEMOKRATIE GEGEN DIE RECHTE VON FRAUEN, GEGEN ANDERE RELIGIONEN! ES IST GENUG, ENDLICH! DIESE GEWALT MUSS AUFHÖREN! JETZT!“

Ich kommentiere diesen Post mit dem Hinweis, dass ich weder „ICH BIN CHRIST, DEUTSCHER UND ICH BIN STOLZ!“ noch „ABER DER ISLAM IST GEFÄHRLICH“ teile, und dass ich das ganze für falsch gefährlich halte.

Meine Freundin antwortet mir in einer Nachricht: „Au Backe, gut, dass du mich auf meinen Fauxpas aufmerksam gemacht hast! Ich übe zwar Solidarität mit den Opfern des gestrigen Attentats, aber ich habe nichts gegen den Islam… Tja, hatte halt nicht alles gelesen, peinlich, peinlich. Deswegen habe ich den Eintrag gelöscht. Danke für die Anregung.“

Stimmt, das ist mehr als peinlich. Wenn man „Je suis Charlie“ schreibt, muss man auch wissen, was das bedeutet und welche Konsequenzen das haben kann …

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