Erwachsenenmund: Schlaflos in Berlin

gabihelmchen_Schlaflos in Berlin     Veröffentlicht am 19.06.2015

Neulich bin ich unfreiwillig Zeugin eines Gespräches. In einem Café unterhalten sich zwei Frauen über Schlafprobleme. Ich sitze am Nachbartisch und warte auf eine Freundin. Gerade hat sie angerufen, um mir zu sagen, dass sie circa eine halbe Stunde später kommt. Wenn die beiden Frauen etwas leiser sprächen, könnte ich vielleicht noch ein paar Artikel lesen und ein wenig twittern. 

Ich höre einfach zu gut. Das ist jetzt wieder mal ein Problem. Oder auch nicht. Wenn die beiden so laut reden, dass jeder sie im Umkreis verstehen kann, kann ich genau so gut zuhören. Nach einer Weile finde ich es sogar interessant. Frau A nenne ich jetzt mal Schlaflos in Berlin (SIB) berichtet von einem neuen Medikament, dass sie nimmt. Bisher versuchte sie ihre massiven Schlafprobleme durch Baldrain, Schüssler Salze, Bachblüten, Akupunktur, Autogenes Training, Yoga in den Griff zu bekommen – nichts hat geholfen. In ihrer Not nimmt sie Schlaftabletten. Und tatsächlich: nach fünf Jahren ohne erholsamen Schlaf kann sie damit schlafen. (Ich freue mich für sie!) Doch da kommt die Einschränkung: sie schläft nicht durch, bekommt Krämpfe und hat den ganzen Tag einen Metallgeschmack im Mund, der auch beim Essen und Trinken nicht weggeht. (Das ist wirklich nicht schön!) Das ist schon die dritte Sorte Schlafmittel, und eigentlich will SIB gar keine Schlafmittel nehmen. Ihre Gynäkologin hat ihr noch eine letzte Möglichkeit aufgezeigt: ein Antidepressivum. (Ach, du meine Güte!) Darüber hat SIB eine Weile nachgedacht und sich dann entschieden es zu nehmen. Die Freundin ist entsetzt: „Aber du bist doch gar depressiv. Da gibt es doch ganz entsetzliche Nebenwirkungen!“ SIB antwortet: „Stimmt. Beides. Die möglichen Nebenwirkungen gibt es beim Schlafmittel aber auch. Und der Chemiecocktail ist eigentlich sogar schlimmer als bei meinem Antidep.“ Die Freundin: „Bei was?“ SIB: „Antidep – klingt doch netter als Antidepressivum, eine bisschen wie Johnny Depp. Das wäre doch dann positiv oder nicht?!“ (Da hat sie recht!) Die Freundin: „Naja, wenn man Johnny Depp mag …“ SIB: „Ist doch egal. Mir gefällt das Wort „Antidepp“. Und ich schlafe damit immer noch nicht wirklich gut. Aber manchmal tatsächlich 2-3 Stunden am Stück!“ (WOW!) Die Freundin: „Stimmt. Das ist bei dir wirklich schon eine Leistung. Aber hast du keine Angst, dass du abhängig wirst?“ SIB: „Nee, eigentlich nicht. Ich nehme ganze zehn Tropfen von einer möglichen Tagesdosis von 75. Da ist also noch eine Menge Luft nach oben. Und ich nehme es nur vor dem Schlafen gehen, also nicht tagsüber. Und Tropfen kann man auch viel besser dosieren …
Die Freundin bleibt skeptisch. Es geht noch eine Weile hin und her. SIB versucht zu überzeugen, die Freundin hat immer noch einen weiteren Einwand. Fast verzweifelt ist ihr Bemühen, Zustimmung zu ihrer Entscheidung zu bekommen. (SIB tut mir leid!)
Mich hat Schlaflos in Berlin überzeugt. Am liebsten würde ich ihr zu ihrer Entscheidung gratulieren, aber das geht ja wohl nicht. Da kommt meine Freundin und ich kann dem Gespräch der beiden Frauen nicht mehr folgen. Mal sehen, was meine Freundin zu erzählen hat. Sie spricht übrigens immer ziemlich laut. Vielleicht haben dann andere die Möglichkeit, ein interessantes Gespräch zu belauschen …

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