Public Viewing: mein erstes Mal – vielleicht auch mein letztes

gabihelmchen_public-viewing    Veröffentlicht am 18.06.2014

Treffpunkt ist die Fußgängerbrücke beim Berliner Hauptbahnhof. Ich bin etwas zu früh. Jedes Mal, wenn eine Bahn angekommen ist, wackelt kurz danach die Brücke: Menschen massen gehen, schlendern, laufen, watscheln, wackeln, stolzieren Richtung Fanmeile am 17. Juni. Sie sind geschmückt, verziert, bemalt, verkleidet: dominierende Farben sind natürlich gold und rot und schwarz. Nur wenige pfeifen, trillern, rasseln oder was es sonst noch für Geräuschmacher gibt. Gegrölt wird wenig, es ist noch früh, aber viele hatten schon 1, 2, 3 Biere zu viel. Plötzlich ertönt in meinem Rücken der Ruf: DEUTSCHLAND!!! Unglaublich laut und sich wiederholend. Mir läuft ein Schauer über den Rücken. Für mich klingt es aggressiv. Ich gehöre zu der langsam aussterbenden Spezies, die mit diesem Ruf Naziaufmärsche verbindet. Es ist unerträglich! Später sitzen wir in relativer Enge auf einer Bank. Hinter uns – getrennt durch einen Tisch – ein Ehepaar: sie schweigt und er meckert. Er findet alles scheiße. Die Betonung liegt auf alles. Auch nicht besonders schön. Die beiden gehen in der Halbzeitpause. Gut! Vor uns sitzen 5 junge Männer zusammengequetscht auf einer Bank. Wir kommen ins Gespräch. Wo gibt es das: Frauen in den 50ern quatschen mit Männern in den 20ern? Toll, das ist also Public Viewing! Die Jungs sind ziemlich irritiert, weil wir nicht für Deutschland sind. Meiner Freundin ist es egal, sie hat in einer Wettgemeinschaft auf unentschieden getippt. Und ich bin für Dänemark. Ich weiß, dass die Dänen nicht in Brasilien sind, aber wenn sie es wären, wäre ich für sie. Jetzt muss ich mir einen neuen Favoriten suchen. Da ich nicht patriotisch bin, kann ich mich frei entscheiden: für die bessere Mannschaft. Die mit dem intelligenteren Fußball, die am elegantesten spielen und mein Hauptkriterium erfüllen: Fairness. Wäre ich Schiedsrichterin, wäre der Platz nach 20 Minuten fast leer. Für jedes Festhalten, Schubsen, Treten, Anspringen, Reingrätschen, Beschimpfen zöge ich eine rote Karte. Dann gäbe es zwar kein Spiel mehr, aber wirklich konsequentes, hartes Durchgreifen müsste im Ergebnis doch irgendwann zu fairem, besserem Fußball führen. Vielleicht Holland? Und nein, wir wollen keine rot-schwarz-goldenen Streifen ins Gesicht gemalt bekommen. Beim Abspielen der Nationalhymne stehen die Menschen doch tatsächlich auf. Ach, du meine Güte! Bei der portugiesischen Hymne stehen eine Frau, ein Mann und meine Freundin und ich. Das muss jetzt sein. Später stellen die jungen Männer fest, dass wir mindestens so viel Ahnung von Fußball haben wir sie: wie verstehen nicht nur Abseits, wir sehen es auch früher. Es ist ganz angenehm. Die Bedienung in dieser Lokalität ist hervorragend, das Weizenbier ist gut, die Pizza geht so. Vier Mal muss ich mir die Ohren zu halten, ich habe ein hervorragendes Gehör, die Tore werden frenetisch bejubelt. Das ist mir entschieden zu laut. Zu massenhysterisch. Spätestens beim 3. Tor wird meine Freundin mitleidig betrachtet, es gibt sogar einen zaghaften Tröstungsversuch. Jetzt wird sie die Spitzenposition in ihrer Wettgemeinschaft wohl nicht mehr halten können. Zum Spiel selbst kann ich eigentlich nichts weiter sagen: Deutschland ist gut, aber nicht überragend, Portugal ist gar nicht da. Also ich habe sie nicht spielen gesehen. Das ist insgesamt doch eher langweilig. Die Rote Karte ist etwas übertrieben, die Portugiesen hätten auch einen Elfmeter bekommen müssen. Zwei der jungen Männer sehen das auch so, zwei nicht und der fünfte kann sich nicht entscheiden. Insgesamt ist die Zeit schnell vergangen. Das Spielende hätten wir beinahe verpasst. Zum Schluss verabschiedet sich einer der Jungs mit einem für uns komplizierten Handgefummele. Das hat bestimmt auch einen Namen und ist ultracool.
Die Rückfahrt mit der S-Bahn ist unproblematisch: die Hardcore-Fußballfans sind noch nicht unterwegs. Am Bahnhof Zoo kreischen mehrere Mädchen mit extrem hohen Stimmen plötzlich irgend etwas mit DEUTSCHLAND und WELTMEISTER. WER NICHT MIT UNS SINGT, IST GEGEN DEUTSCHLAND!!! Das ist extrem gruselig. Ich will so etwas nicht hören, ich kann es kaum aushalten … Dann habe ich Glück, mein Bus wartet schon auf mich. Super-Service! Wir fahren bis zur nächsten Straßenkreuzung, dort hat ein Polizeifahrzeug unsere Fahrbahn gesperrt, wir sollen links oder rechts abbiegen. Die Busfahrerin entscheidet sich für rechts. Wir fahren die Hardenbergstraße herunter. In jede Querstraße schaut sie hinein, irgendwann biegt sie nach links ab. Diese Straße wird dann aber plötzlich zur Einbahnstraße. So geht es nochmal nach rechts, wieder das Suchen, wann wir nach links abbiegen können. Denn jetzt fahren wir in die absolut verkehrte Richtung. Irgendwann sind wir auf dem Kudamm, dann in der Lietzenburger Straße. Die Busfahrerin versucht die ganze Zeit, Informationen von der Leitstelle zu erhalten, anscheinend gibt es keine. Wir treffen unterwegs die unterschiedlichsten Busse, die Busfahrer grüßen alle sehr freundlich. Plötzlich hält unser Bus an, die Busfahrerin befragt einen Stadtplan oder Bus-Stadtplan. Dann fährt sie weiter. Immer in jede nach rechts gehende Straße hineinblickend. Da gehe ich zu ihr. Sie schaut mich dankbar an, obwohl ich noch gar nichts gesagt habe. Sie meint: “Jetzt sind wir doch fast wieder richtig oder?” Sie tut mir mir wirklich sehr leid. Was für ein Mist. Ich antwortet: “Ja, wenn Sie in die nächste Straße rechts einbiegen, sind wir wieder richtig. Dann haben Sie nur eine Haltestelle verpasst. Bekommen Sie gar keine Informationen? Sagt Ihnen niemand, wie Sie fahren können?” – “Nein. Die Polizei sperrt einfach die Straße wegen der ganzen Hup-Autos, die über den Kudamm fahren. Die haben nirgendwo Bescheid gesagt. Und ich muss dann sehen, wie ich fahren kann.” – “Sie haben das aber gut gemacht! Wir sind ja jetzt wieder richtig.” Da lächelt sie noch einmal. Überraschend sind die übrigen 5 Fahrgäste: kein Gemeckere, kein Gemaule, keine blöden Sprüche, keine Fragen. 2 unterhalten sich, einer hört Musik, eine liest, eine telefoniert. Nur ich schien den Weg zu kennen und mich zu wundern.
Was für eine Mischung: unangenehmes Gegröle, freundliche junge Männer, eine ganz untypische, undeutsche Polizeiaktion – eigentlich nett gemeint, aber ein gewisses Chaos hinterlassend. Und irgendwie habe ich das Gefühl: das ist der Einfluss Brasiliens. Na, eventuell schaue ich mir doch noch ein Spiel im Public Viewing an. Vielleicht wenn Holland spielt …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.