Schöner wohnen in Berlin-Schöneberg – mit oder trotz Gentrifizierung?

gabihelmchen_gentrifizierung    Veröffentlicht am 17.06.2014

Das Bayerische Viertel in Berlin-Schöneberg war eine der 1. Adressen für viele KünstlerInnen und Intellektuelle. Von der Gründerzeit bis in die Mitte der 1930er Jahre wohnten hier alle, die im Zentrum Berlins, aber nicht am Kudamm leben wollten. Die Mehrzahl dieser Kreativen wurde von den NationalsozialistInnen deportiert und ermordet, nur wenige waren vorher ins Exil gegangen. Biedere BürgerInnen und stramme NationalsozialistInnen zogen in deren Wohnungen. Die Bombardierungen am Ende des II. Weltkrieges zerstörten nicht flächendeckend, sondern partiell einzelne Gebäude oder Teile von Straßenzügen. In den 1950er Jahren wurden diese Lücken zum großen Teil mit vierstöckigen, schmucklosen Flachbauten gefüllt. In den meisten Straßen entstand so später ein eigentümliches Bild: neben grandios renovierten, wunderschönen Gründerzeit-Prachtbauten standen in den letzten Jahren arg herunter gekommene, graue Nachkriegsgebäude. Das ändert sich jetzt. 2014 scheint das Jahr des Aufbruchs zu sein: überall stehen Baugerüste, kleine Balkone werden abgerissen, mindestens eine Etage wird aufgestockt, neue Fenster und Türen, Fahrstühle, Terrassen entstehen. Das ist alles nicht ganz billig. Wohin strebt das Bayerische Viertel? Vielleicht entstehen ganz ansehnliche moderne Häuser. Kann sein, dass diese besser mit den alten Prachtbauten harmonieren. Aber wer soll hier wohnen? Sicherlich nicht die bisherigen MieterInnen, die können sich diese Wohnungen nach einer solch aufwendigen Renovierung / Modernisierung / Umgestaltung nicht mehr leisten. Also, wer dann? Woher kommen die neuen MieterInnen bzw. EigentümerInnen? Denn die meisten der bisherigen Mietwohnungen werden zu Eigentumswohnungen. Vielleicht wird das Bayerische Viertel wieder etwas aufgewertet. Vergleichbar mit Teilen von Kreuzberg oder Prenzlauer Berg. Vielleicht werden auch hier bald viele junge, gut verdienende Familien und Singles leben. Das wäre dann die übliche Verdrängung – neudeutsch: Gentrifizierung. Wo sollen eigentlich all diejenigen wohnen, die aus den angesagten „Kiezen“ verdrängt werden? An den Rändern von Berlin oder vielleicht gleich ganz draußen auf dem Land in Brandenburg?
Die Atmosphäre in einem Stadtteil entsteht durch die Mischung. Ein Kiez lebt nur, wenn arme und reiche, junge und alte, Menschen mit und ohne Migrationshintergrund, Kreative und MalocherInnen in ihm wohnen. Berlin klagt über Wohnungsmangel, gleichzeitig entstehen immer mehr Luxus-Wohnungen. Gibt es da irgendeinen Widerspruch? Und ganz am Rande: der besondere Charme vom ehemaligen Bayerischen Viertel ist nicht durch Geld entstanden, sondern durch die besonderen Menschen, die hier lebten.
Ich selbst wohne in einem der 1950er-Nachkriegsbauten: der Putz fällt von den Wänden, das Haus hat Risse, die Türen und Fenster schließen nicht richtig, insgesamt sieht das Gebäude ziemlich herunter gekommen aus. Das hat mich schon oft gestört. Inzwischen muss ich mir wünschen, dass die Eigentümer nicht auf die grandiose Idee eine General-Sanierung kommen, sonst müsste ich wegziehen aus dem Bayrischen Viertel. Und ich habe keine Ahnung wohin …

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