(Un-) Heimliches Trinken und Fotografieren

gabihelmchen_trinken01     Veröffentlicht am 29.05.2015

Mittags um 1 auf dem Weg zur Bank. Im Augenwinkel sehe ich in einem Hauseingang eine fließende Bewegung: eine Bierflasche wird zum Mund geführt, daraus ein Schluck genommen und zurück in die Tasche gestellt. Die Tasche hat kurze Henkel und ist so unter den Arm geklemmt, dass die Flasche anscheinend einfach stehen bleibt. Alkohol-Trinkende Menschen zu jeder Tages- und Nachtzeit sind an sich nichts Ungewöhnliches. 

Es gibt Bauarbeiter, die in ihrer Mittagspause ein (oder mehrere) Bier(e) trinken. In der Nähe von Hostels trifft mensch immer auf einige Bier- oder Wein-Trinkende Jugendliche. Alle diese Menschen sind nicht betrunken, sie trinken einfach in dem Moment. Warum auch immer. Statt Mittagessen oder weil es angesagt ist oder weil sie Durst haben oder weil es schmeckt. Daneben gibt es sichtbar Alkoholabhängige, die meistens leicht oder schwer angetrunken sind.

Ich nenne das mal „öffentliches“ Trinken. Das Gegenteil ist „nicht-öffentliches“ also heimliches Trinken. Eher zu Hause bzw. möglichst in geschlossenen Räumen. Und anscheinend gibt es noch (mindestens) eine weitere Form: heimliches Trinken in der Öffentlichkeit, das nenne ich hier „unheimliches“ Trinken.

Direkt nachdem ich an der Person im Hauseingang vorbei gegangen bin, die Flasche wieder in der Tasche verstaut ist, verlässt sie ihren Standort. Ich drehe mich um, schaue mir die Frau an: Sie ist zwischen Mitte 60 und 70 Jahre alt. Sehr groß und sehr schlank. Sie trägt eine schwarze enge Hose, keine Strümpfe, modische, flache Schuhe, eine weiße Lederjacke. Sie ist stark geschminkt, die Haare sind blondiert, toupiert und am Hinterkopf mit einer großen Spange zusammengefasst. Eine auffällige Erscheinung, gepflegt, durchaus elegant, vielleicht etwas zu jugendlich. Sie steht an der Straße und wartet auf eine Lücke im fließenden Verkehr. Die schwarze Ledertasche ist immer noch fest unter den Arm geklemmt.

Diese „unheimliche“ Trinkerin hätte ich fotografieren können. Heimlich. Das geht mit einem Smartphone. Wäre für die Sozialen Medien allerdings nur interessant, wenn ich sie direkt beim Trinken aufgenommen hätte. Dann hätte ich eine heimlich gemachte Aufnahme öffentlich gemacht. Dass nenne ich „unheimliches“ Fotografieren.

Irgendwie hat das heimliche Trinken und Fotografieren etwas miteinander zu tun: Ob heimliches, öffentliches oder unheimliches Trinken – jede/r hat das Recht am eigenen Bild. Und deswegen fotografiere ich weder heimlich noch unheimlich.

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